Studio Alchimia

Anna-Luise Lippach, 19.12.2019

Studio Alchimia

Studio Alchimia war ein Designkollektiv der Postmoderne, das sich gegen den vorherrschenden rationalen Bauhaus-Stil richtete. Mit Alessandro Mendini als treibende Kraft war Alchimia konsumkritisch, politisch und kompromisslos, und beeinflusste das Design der 1970er und 1980er Jahre maßgeblich.

In den 1960er und 1970er Jahren dominierte in Italien das "Gute Design", ein sachlich-funktionalistischer Stil, der vom Bauhaus geprägt war: konservativ hinsichtlich Formsprache und Materialwahl, schörkellos und angelegt auf Massenproduktion. Dagegen regte sich auch Widerstand; es kam zu Designbewegungen wie dem Anti-Design und dem Radikalen Design, die ganz gezielt mit den etablierten Regeln brachen und stattdessen neue, provokante Ausdrucksformen suchten. Unerwartete Ideen, verspielte Formen, rein dekorative Elemente und grelle Farbigkeit hielten Einzug ins Design. Damit hinterfragten die Designer auch ganz grundsätzlich Sinn und Zweck ihres Schaffens.

Studio Alchimia wurde 1976 von Alessandro Guerriero und seiner Schwester Adriana Guerriero gegründet, zunächst als Galerie, in der experimentellen Ideen eine Plattform geboten wurde. Außergewöhnliche Kunstobjekte und Performance-Art bestimmten das kreative Schaffen der Gruppe, immer geprägt von einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Status Quo.

Der Name des Studios nimmt Bezug auf die mittelalterliche Alchemie, gemeint als Gegenentwurf zur Vorherrschaft von Wissenschaft und Rationalität, und als Hinweis auf die transformative Arbeit der Designer.

Dank Persönlichkeiten wie Ettore Sottsass, Paola Navone, Michele de Lucchi und nicht zuletzt Alessandro Mendini entwickelte sich Studio Alchimia zu einer der einflussreichsten Designbewegungen ihrer Zeit. Als konsumkritische, intellektuell begründete Bewegung lehnte es Alchimia unter anderem ab, Designs für den Massenmarkt zu entwickeln.

Unter Mendinis Einfluss favorisierte Alchimia zudem das sogenannte "Banal Design" und das "Re-Design", bei dem ein bereits bestehendes Werk durch Hinzufügen dekorativer Elemente in etwas Neues verwandelt wird. In diesem Sinne präsentierte Studio Alchimia 1978 und 1979 unter dem Titel "Bau.Haus 1" und "Bau.Haus 2" bunt und antifunktional umgestaltete Bauhaus-Möbel. Zu den bekanntesten Möbeldesigns gehört auch der Proust Chair (1978) von Alessandro Mendini, bei dem ein klassischer Rococo-Sessel durch Farbtupfer im Pointillismus-Stil verfremdet wurde. Eine robuste Variante aus Kunststoff ist heute über Magis erhältlich.

Mendini war der Ansicht, dass es keine neuen Ideen mehr gab, Innovation nicht mehr möglich war und Design nur noch aus dem Umgestalten und Dekorieren alter Formen bestehen konnte.

Ettore Sottsass und andere Designer wiederum empfanden Mendinis Vorstellungen als zu einschränkend; sie verließen Alchimia und gründeten 1980 die Memphis-Gruppe, die bald mit einer weniger politischen, weniger konsumkritischen Form des Radikalen Designs Erfolge feierte. Studio Alchimia blieb auch in den 1980ern aktiv und einflussreich. Heute gilt die Bewegung als wichtiger Vertreter der Postmoderne. Das Studio löste sich 1992 auf.

Foto: Cappellini